Blick in die Praxis: Arbeit an Bedientheken des Lebensmitteleinzelhandels – eine Initiative zur Deckung des Fachkräftebedarfs

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Der Handelsverband NRW Westfalen-Münsterland e.V. setzt gemeinsam mit Mitgliedsunternehmen ein ESF-gefördertes Projekt um, das Lebensmitteleinzelhändler im Westfälischen Ruhrgebiet bei der Suche nach Personal für den Verkauf an Bedientheken unterstützen soll. Der Projektmanager Markus Kaluza erklärt im Gespräch die Herausforderungen und die Ziele, die den Handelsverband NRW zur Umsetzung des Projektes bewogen haben.


Regionalagentur: Herr Kaluza, warum Bedientheken? Welche arbeitsmarktpolitische Herausforderung in unserer Region hat Sie bewogen, das Projekt umzusetzen?

Kaluza: Die Idee zu unserem Bedienthekenprojekt entstand aus den Reihen der in unserem Verband zusammengeschlossenen Einzelhändler. Die Mehrzahl der im Lebensmitteleinzelhandel tätigen Unternehmen in unserer Region hat große Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte für die Arbeit an den Bedientheken zu finden, gerade für die Tätigkeit der Fleischereifachverkäuferin. Auch bilden nur noch wenige Betriebe in diesem Berufsbild aus.

Ein weiteres Problem ist, dass sich viele Lebensmitteleinzelhändler nicht leicht mit der Integration neuer Mitarbeiter in den Betrieb tun. Vielfach fehlen professionelle Strukturen zur Einarbeitung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist ein klassisches Problem kleiner und mittlerer Betriebe, von dem auch der Lebensmitteleinzelhandel nicht verschont bleibt.

Dabei nehmen Bedientheken im Lebensmitteleinzelhandel eine herausragende Position sein, hier interagiert der Kunde direkt mit dem Verkaufspersonal, Dekoration und Präsentation der dort angebotenen Frischwaren sind ein entscheidendes Merkmal für die Attraktivität des Geschäftes. Freundliche und kompetente Bedienung ist natürlich auch ein wichtiges Merkmal zur Kundengewinnung und -bindung.

Im Projekt selbst sind wir zuständig für die Abstimmung zwischen den einzelnen Partnern, wir bringen unser Expertenwissen zum Lebensmittelhandel ein und werden natürlich auch versuchen, den Transfer der Projekterkenntnisse auf andere Regionen und Branchen sicherzustellen.

Regionalagentur: Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Kaluza: Wir möchten mit dem Projekt unsere Unternehmen unterstützen, geeignete Fachkräfte für den Bedienthekenbereich zu finden. Im aktuellen Projektdurchlauf ist es unser Ziel, 25 offene Stellen zu besetzen. Im gesamten Projektverlauf möchten wir geeignete Mitarbeiterinnen für 75 Stellen finden. Gleichzeitig wollen wir die Unternehmen bei der Integration neuer Mitarbeiterinnen unterstützen und sie dazu befähigen, eine aktive Personalarbeit selbstständig durchzuführen. Ein Weg zur besseren Integration von neuen Mitarbeiterinnen kann beispielsweise durch ein Patensystem erfolgen. Unter arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten wollen wir Perspektiven für 75 Menschen schaffen, die gering qualifiziert sind. Wir wollen Sie dabei unterstützen, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu finden und den SGB-II-Leistungsbezug zu beenden.

Regionalagentur: Wie sieht Ihre Zielgruppe aus? Wie kommen Sie an Teilnehmer?

Kaluza: Unsere Zielgruppe sind arbeitssuchende, vornehmlich weibliche, Personen. Fachliche Qualifikationen oder Erfahrung im Verkaufsbereich sind natürlich gerne gesehen, aber nicht zwingend Voraussetzung für eine Teilnahme am Projekt. Wichtig ist, dass die Teilnehmerinnen kommunikativ sind, freundlich und offen auftreten. Hinzu kommt, dass keine gesundheitlichen Einschränkungen, wie z.B. Allergien, im Umgang mit den Produkten, die an der Bedientheke verkauft werden, bestehen dürfen. Aktuell ist unsere Teilnehmerschaft bunt gemischt, zwischen 19 Jahren und 63 Jahren sind alle Altersgruppen vertreten. Der Auswahlprozess wurde durch die Bundesagentur für Arbeit und das Jobcenter übernommen.

Regionalagentur: Wie muss man sich den Projektablauf aus Teilnehmersicht vorstellen?

Kaluza: Zunächst haben die Arbeitssuchenden ein Gespräch mit dem zuständigen Vermittler bei der Arbeitsagentur oder dem Jobcenter. Bei einer Eignung bewerben sie sich für ein 14-tägiges Praktikum bei einem der am Projekt teilnehmenden Lebensmitteleinzelhändler. Am Ende des Praktikums treffen Einzelhändler und Teilnehmerin eine Vereinbarung, ob sie die Zusammenarbeit fortsetzen wollen. Sollte dies der Fall sein, durchläuft die Teilnehmerin in den nächsten sechs Monaten die Qualifikationsangebote des Projektes.

In diesem halben Jahr sind die Teilnehmerinnen an 4 Tagen pro Woche beim Bildungsträger und erhalten praktischen und theoretischen Unterricht. Dieser orientiert sich an der Grundqualifikation Verkauf. Die hier vermittelten Inhalte können, falls die Teilnehmerinnen diesen Schritt gehen, auf eine zukünftige Ausbildung angerechnet werden. Inhalte sind hier z.B. Warenkunde, Hygiene oder Kundenkommunikation. An einem Tag pro Woche arbeiten die Teilnehmerinnen dann in einem der beteiligten Unternehmen. Weiterhin werden gemeinsame Praxiseinheiten, z.B. zum Thema „Warenpräsentation“ Unternehmen vor Ort durchgeführt.

Bei erfolgreichem Abschluss der Qualifikation wird die Teilnehmerin nach diesen sechs Monaten in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis bei „ihrem“ Lebensmitteleinzelhändler übernommen.

Regionalagentur: Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen? War es einfach, Partner für das Projekt zu finden? Musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden?

Kaluza: Unsere Partner sind die Bundesagentur für Arbeit und das Jobcenter. Hier herrscht ein hohes Problembewusstsein für die Personalsituation von Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel. Beide haben uns ermutigt, das Thema aktiv voranzutreiben.

Die wissenschaftliche Begleitung und die innerbetriebliche Weiterbildung wird durch unseren Projektpartner, das Dortmunder Unternehmen „Soziale Innovation GmbH (SI)“, sichergestellt.

Die Qualifikation der Teilnehmer übernimmt das „EWZ Entwicklungszentrum für berufliche Qualifizierung und Integration GmbH“, ebenfalls aus Dortmund. Hier ist es uns gelungen, einen Partner zu finden, der sowohl Erfahrung mit den Anforderungen des Einzelhandels hat, der sich in der Region auskennt und der über zentral gelegene Räumlichkeiten verfügt. Wichtig ist das vor allem, um unseren Teilnehmerinnen, die vielfach Familienverantwortung haben, eine gute Erreichbarkeit der Stätten für den Theorie-Unterricht zu ermöglichen.

Regionalagentur: Wie sieht die Förderstruktur aus?

Kaluza: Im Projekt werden ESF-Mittel eingesetzt. Diese werden durch einen Eigenanteil ergänzt, den wir als Handelsverband tragen. Hinzu kommen Drittmittel, zum Beispiel über Bildungsgutscheine. Die Regionalagentur Westfälisches Ruhrgebiet hat uns während der Antragstellung, bei der Konzeption und Durchführung des Antrags sowie im Genehmigungsprozess, beraten und unterstützt.

Regionalagentur: Wann ist das Projekt für Sie ein Erfolg?

Kaluza: Für uns ist das Projekt ein Erfolg, wenn es gelungen ist, geeignetes Personal an die Lebensmitteleinzelhändler in der Region zu vermitteln. Vor allem, wenn es uns dabei noch gelingt, geringqualifizierten Arbeitslosen eine Chance zu geben, in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung Fuß zu fassen. Und natürlich, wenn es uns gelungen ist, in den Unternehmen der Region erfolgreiche Personalstrukturen zu etablieren, die zukünftig die Integration neuer Mitarbeiter erleichtern. Und ganz besonders freuen würde es uns natürlich, wenn der Transfer auf andere Regionen, über das Westfälische Ruhrgebiet hinaus, gelingt.


Zur Person: Markus Kaluza

KaluzaMarkus Kaluza ist Referatsleiter Öffentlichkeitsarbeit/Projektmanagement beim Handelsverband NRW Westfalen-Münsterland e.V. Er verantwortet dort das Projektmanagement verschiedener Projektaktivitäten des HV, wirkt in Gremien mit und pflegt die Kontakte zu relevanten Kooperationspartnern, Behörden und Institutionen. Ebenso organisiert er Veranstaltungen wie die jährliche Verleihung des Westfälischen Handelspreises oder den NRW-Nahversorgungstag. Aktuell ist Herr Kaluza für das Bedienthekenprojekt zuständig, dass der HV in Kooperation mit SI, Einzelhändlern und Trägern aus Dortmund und Umgebung umsetzt.

Kontakt:
Markus Kaluza
Referatsleiter Öffentlichkeitsarbeit & Projektmanagement
Handelsverband NRW Westfalen-Münsterland
m.kaluza@hv-wm.de
0231 – 57795 – 15